Der Lindenfels Westflügel ist ein internationales Produktionszentrum für Figurentheater. Neben den beiden regelmäßig hier arbeitenden Figurentheatern Wilde & Vogel und Lehmann und Wenzel unterhält der Westflügel zu vielen KünstlerInnen feste Arbeitsverbindungen und ist mit der nationalen wie internationalen Figurentheaterszene stark vernetzt.

Seit 2003 finden in dem denkmalgeschützten Gebäude mit seiner markanten Jugendstilarchitektur Theateraufführungen statt, außerdem Ballnächte und Tanztheater, Konzerte, Ausstellungen, Performances und anderes. Der Schwerpunkt liegt auf internationalem Figuren- und Objekttheater. Hier tritt der Westflügel als Koproduktionspartner und als Gastspielhaus auf.

Der 2005 gegründete Lindenfels Westflügel e. V. ist Eigentümer des Gebäudes, das es zu erhalten und behutsam zu sanieren gilt. Sein Ort in der Hähnelstraße 27 liegt an der Schnittstelle von Leipzig-Plagwitz und Leipzig-Lindenau und damit in einem der lebendigsten Zentren der wachsenden Stadt. 2012 eröffnete im Erdgeschoss des Westflügels die (Kultur)Bar froelich & herrlich. Sie ist benannt nach den Eignern der von 1939-1975 hier ansässigen Ofenrohrfabrik und freitags sowie zu den Veranstaltungen des Westflügel Leipzig geöffnet. Neben einem Team von Ehrenamtlichen sind es die Mitglieder des Lindenfels Westflügel e.V. , die die künstlerische Arbeit ermöglichen.

"Fazit: Im Westflügel gibt es die künstlerische Symbiose von Schauspiel, Musik, Installation und Träumerei. Go West!" Daniel Merbitz, Leipzigs Neue

Seit 2011 wird der Lindenfels Westflügel durch die Stadt Leipzig institutionell gefördert. Der 2015 verliehene Theaterpreis des Bundes an den Westflügel Leipzig ist eine Auszeichnung für die Qualität seines künstlerischen Programms und zugleich seiner Funktion als "Thinktank" für das zeitgenössische Figurentheater in Deutschland.

Künstlerische Arbeit

Der Westflügel Leipzig ist ein Spiel- und Produktionsort internationalen Figurentheaters. Einer Kunstform, in dessen Zentrum die Animation unbelebten Materials steht. Die Schnittstellen zu angrenzenden Künsten sind vielfältig: Musik, Tanz, bildende Kunst und audiovisuelle Medien sowie Sprache, Literatur und Schauspiel. Ein gemeinsamer Fokus liegt auf der Kommunikation zwischen Bühne und Publikum, die auf offenem Spiel, Komplizenschaft und Imagination beruht. Das Haus verbindet Theater-Praxis mit öffentlichem künstlerischen und kulturpolitischen Dialog.

Ein Ensemble im Sinne fest angestellter KünstlerInnen existiert im Westflügel nicht. Vielmehr verknüpfen sich zahlreiche KünstlerInnen aus verschiedenen Ländern um die am Haus arbeitenden Figurentheater Wilde & Vogel und Lehmann und Wenzel zu einem Netzwerk aus SchauspielerInnen, FigurenspielerInnen, bildenden KünstlerInnen und MusikerInnen. Dabei treffen Koryphäen wie zum Beispiel Agnès Limbos, Christoph Bochdansky, Neville Tranter, Eric Bass, Gyula Molnár, Frank Soehnle, das Ensemble Materialtheater,  Miriam Goldschmidt und junge, aufstrebende Spieler wie Polina Borisova, Annelies van Hullebusch, Élise Vigneron, Jan Jedenak, Winnie Luzie Burz und andere in wechselnden Zusammensetzungen aufeinander.

Von 2006 bis 2017 entstanden 22 Produktionen am Lindenfels Westflügel, die seither mit diversen Preisen ausgezeichnet wurden und auf internationalen Bühnen zu Gast waren. Eine Auswahl der erfolgreichsten Produktionen:

  • 2006: „Spleen. Charles Baudelaire: Gedichte in Prosa"
    Wilde & Vogel | Regie: Hendrik Mannes
  • 2010: „Krabat"
    Wilde & Vogel, Grupa Coincidentia [Białystok, PL], Florian Feisel | Regie: Christiane Zanger
  • 2011: „Songs for Alice"
    Wilde & Vogel | Regie: Hendrik Mannes
  • 2012: „Der Freischütz"
    Lehmann & Wenzel | Regie: Michael Vogel
  • 2014: "Faza REM Phase"
    Wilde & Vogel, Grupa Coincidentia [Białystok, PL]
  • 2015: "Ressacs"
    Companie Gare Centrale [Brüssel, B] | Regie: Françoise Bloch
  • 2015: „Sibirien"
    Wilde & Vogel | Regie: Christiane Zanger
  • 2017: "Frankenstein oder Der moderne Prometheus"
    Wilde & Vogel und Johannes Frisch | Regie: Hendrik Mannes, Mitarbeit: Antonia Christl

Die Programmgestaltung des Lindenfels Westflügel orientiert sich an verschiedenen Gesichtspunkten, die internationalen Austausch, Nachwuchsförderung und eine gemeinsame Erforschung und Weiterentwicklung des Genres umfasst. Die Organisation des Hauses stützt sich auf ein hierarchiearmes Arbeiten und eine Verschränkung von organisatorischen und künstlerischen Arbeitsbereichen. In Workshops, Treffen wie „Biotopia“, Formaten wie den Sessions oder Installationen und Ausstellungen wird Kreativität und künstlerische (Weiter-)Entwicklung auf verschiedenen Ebenen erforscht und gefördert.

In Form der Programmbücher, der Postkarten und zahlreicher Plakate u.v.m. wird das optische Erscheinungsbild des Westflügels von dem Graphiker Robert Voss aus Halle (Saale) gestaltet.

Geschichte

An eine florierende Gastwirtschaft (heute Asiatisches Restaurant "Peking Haus") wurde 1876 ein Tanzsaal angebaut, die „Gesellschaftshalle zu Lindenau“ – heute "Schaubühne Lindenfels". An den Tanzsaal grenzte seit 1892 ein „Concert-Garten“. Doch schon acht Jahre später, als sich die ehemaligen Dörfer Plagwitz und Lindenau zu boomenden Stadtteilen Leipzigs entwickelt hatten, wurde an dessen Stelle ein „Kleiner Saal" als Erweiterung der „Gesellschaftshalle zu Lindenau" geplant, der heutige Westflügel. Entworfen wurde dieser Saal zusammen mit dem Umbau des bisherigen Gesellschaftshauses als erster großer Auftrag des Leipziger Architekten Emil Franz Hänsel (u.a. Kaufhaus Brühl, Zentralmessepalast, Specks Hof). Die Eröffnung fand am 23. September 1900 statt.

Nach mehreren Besitzerwechseln und einer Teilung des Komplexes im Jahre 1939 wurde der Kleine Saal an den benachbarten Fabrikanten Bernhard Frölich verkauft. Dieser nahm verschiedene Einbauten an dem prächtigen Jugendstilgebäude vor und zweckentfremdete den Ballsaal als Lagergebäude, ab 1943 auch als Produktionsstätte für Ofenrohre. Die als kriegswichtig eingestufte Fabrik überstand den 2. Weltkrieg, stellte 1975 ihre Produktion ein und stand seither leer.

Im Jahr 2003 begann eine Initiative um das Figurentheater Wilde & Vogel in Kooperation mit der Schaubühne Lindenfels Leipzig das mehr als 20 Jahre lang leerstehende Gebäude wieder einer kulturellen Nutzung zuzuführen. Durch Beseitigung aller nachträglichen Einbauten konnte das Gebäude nahezu in seinen Urzustand versetzt werden. Der Westflügel verfügt heute wieder über zwei Säle mit einer Fläche von jeweils 190 m². Der untere Saal ist 4,60 Meter hoch, der obere, der ehemals als Tanzsaal diente, 8,20 Meter. Der historische Eingang wurde wieder hergestellt, über das Jugendstil-Vestibül gelangt man ins Foyer sowie in ein Jugendstil-Treppenhaus mit Gewölbedecke. Ein zweiflügeliges Eisentor, das von einer ehemaligen Brauerei stammt, schließt das Vestibül zur Straße hin ab.

Es fanden die sogenannten Ballhaus-Nächte (Oktober 2003, Mai und Oktober 2004) und die Ballhaus-Prologe (April, Mai, September 2005) statt. In 2005 wurde die Immobilie durch den neu gegründeten gemeinnützigen Verein Lindenfels Westflügel e. V. erworben. Von Mai bis Oktober 2006 und 2007 fanden die ersten zwei Sommerspielpläne mit internationalem Figurentheater und Tanztheater sowie Ausstellungen und Konzerten statt. Das Programm zog seitdem viele international erfolgreiche KünstlerInnen und Ensembles an. Die erste jemals fest installierte Heizanlage im heutigen Westflügel konnte mit einer Ofenweihe am 18. Okt 2014 in Betrieb genommen werden. Die zwei (Holz)Öfen, -rohre und die gesamte Anlage konnten durch Spenden – u.a. der Firma Firetube und weiterer Förderer – und eine erfolgreiche Crowdfunding-Aktion beschafft und installiert werden.

2013 feierte der Lindenfels Westflügel sein 10-jähriges Jubiläum.